Sonntag, 11. März 2007

Systemisch arbeitende Projekte in der Suchtkrankenhilfe

Lange haben Menschen mit Suchtproblemen an den beiden Skulpturen 'der bunte Vogel' und 'das Monster' gearbeitet. Am 09.3.2007 wurde das von Frieder Lerch initiierte Projekt in der Essener Fachklinik für Suchterkrankungen 'Kamillushaus' vorgestellt, Projektleiterin ist übrigens die Musikpädagogin Kathrin Schinski.

Vernissage: 'Der bunte Vogel und das Monster'
Bei der Vernissage trugen die am Projekt Beteiligten einen Text vor, in dem der Teufel in der Rolle des Verführers auftaucht.
Wer sich auf diesen Teufel einlässt und nicht über zureichende Mittel verfügt, sich diesen Verführungen zu erwehren, muss mit einem schlimmen Ausgang rechnen. Viele Suchtkranke kämpfen über Jahre mit diesen Versuchungen. Im Verlauf der Suchterkrankung erfolgt oft ein schwerer geistiger und körperlicher Abbau. Doch nicht nur der Trinker zerstört sich selbst. Die Auswirkungen des Alkohols beeinträchtigen besonders die Kinder und den Ehepartner des Trinkers. Der Alkohol ruiniert das Leben vieler Menschen.
Doch nicht nur die Familie, auch die soziale Umgebung bleibt von den Auswirkungen des Alkohols nicht unbetroffen. Die Folgen des Trinkens führen zu großen gesundheitlichen Schäden und auch die Finanzierung der erforderlichen Gesundheits- und Sozialhilfeleistungen belastet nicht nur die Betroffenen.
Auch weil nicht nur der Trinker betroffen ist, sondern das gesamte soziale Umfeld, hat der Kampf gegen den Alkohol eine besondere hohe Bedeutung. Wichtig sind Prophylaxen und Schadensbegrenzungen. Doch neben der Arbeit mit denjenigen, die bereits in den Brunnen gefallen sind, ist auch die Unterstützung derjenigen dringend notwendig, die selbst keinen Alkohol konsumieren und dennoch schwer durch alkoholtrinkende Angehörige belastet sind.
Auch von der Gesellschaft vernachlässigt werden zusätzlich übrigens immer noch zu sehr: die Kinder suchtkranker Eltern.
In der Stadt Velbert gibt es übrigens ein weiteres zukunftweisendes Projekt: In dem Projekt Kipkel werden Kinder psychisch kranker Eltern unterstützt. Hier bietet sich erstmals eine neue strukturelle Perspektive für eine gezielt zu verbessernde Landschaft der psychosozialen Versorgungsstruktur für Kinder.

Vernissage: Der bunte Vogel und das Monster
Angesichts der erschreckenden Tatsache, dass für Kinder schwerst gestörter Eltern - und die Doppeldiagnose Sucht und Psychose ist keine Ausnahme - bis heute in vielen Regionen zureichende psychosoziale Hilfen fehlen, eröffnete das Velberter Kooperationsprojekt (Klinikum Niederberg, Sozialpsychiatrischer Dienst, Gemeinnützige Sozialpsychiatrische Gesellschaft Niederberg) mit der Sozialarbeiterin Heike Gump den Einstieg in eine verbesserte Struktur psychosozialer Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern. Es ist erstaunlich, wie hart für ein kleines bisschen verbesserte Breitenförderung auch in der ambulanten Psychiatrie gekämpft werden muss.
Auch Kinder alkoholkranker Eltern bedürfen besonderer Hilfen. Hierzu gilt in Zukunft eine verbesserte Versorgungsstruktur aufzubauen, und zwar direkt dort, wo die Kinder ihren Alltag verbringen: in den Gemeinden. Und wer diesen Kindern helfen will, darf dabei auch die Eltern nicht ignorieren, insbesondere da nicht jedes Kind alkoholkranker Eltern einfach in ein Heim gesteckt wird. Auch die Kinder Alkoholkranker haben eine starke Bindung zu ihren Eltern. Erst wenn es wirklich heftig kommt, wird der Heimplatz diskutiert. Und selbst bei einer Herausnahme des Kindes aus seinem familiären Bezugsrahmen gilt es die Möglichkeiten der Rückführung in die Familie zu erwägen. Hilfepläne und Hilfeplanverfahren mit den Beteiligten gehören in der Jugendhilfe seit vielen Jahren zum Standard. Doch wenn die Unterbringung der Kinder vermieden werden möchte, sind auch angemessene Hilfen ambulante für die betroffenen Kinder zu finanzieren. Auf diesem Gebiet gibt es übrigens nach wie vor noch reichlich Chancen und Gelegenheit, sich besser zu profilieren. Tatsächlich muss zukünftig auch bei der Aufteilung des Sozialetats das Verteilungsproblem besser gelöst werden, auch hier gilt: weniger Elitenförderung, mehr Breitenförderung.
Doch zurück zu den Menschen, die sich nicht (mehr) aus eigener Kraft gegen die Versuchungen des Alkohols wehren können. Der Teufelskreis wird durch soziale Deklassierung zusätzlich angeheizt. Dabei werden wichtige Sozialkontakte und Arbeitsplätze verloren. Für die Betroffenen und ihre Kinder bedeutet der soziale Abstieg einen Perspektiven- und Sinnverlust.

Vernissage: Der bunte Vogel und das Monster
Dabei fällt unser Blick auch auf die wieder einmal schwierige Arbeitsmarksituation.
Das Jammern über die Auswirkungen der Globalisierung ist nur eine hilflose Entschuldigung für eine durch veränderte Regeln durchaus auch veränderbare Struktur. Die Förderung der Billigarbeitskräfte gehört sicher nicht zu den konstruktiven gesellschaftlichen Leistungen unseres Landes. Auch hier ist politisches Handeln gefragt: nicht passives Reagieren, sondern aktives Steuern ist angesagt. Für die meisten Menschen bedeutet die Kanalisierung öffentlicher Finanzströme in die Elitenförderung eine weitere Öffnung der Schere zwischen arm und reich. Wer gebildet ist, verfügt zumeist auch über mehr Möglichkeiten, sich aus den öffentlichen Kassen zu bedienen und hier ist ein Umdenken angesagt: Fördermittel müssen generell in Zukunft besser bei den untersten sozialen Schichten ankommen.
Es soll vorgekommen sein, dass mancher auch durch den Verlust seines Arbeitsplatzes zum Suff gekommen ist. Und wer aufgrund einer Erkrankung seine Leistungsfähigkeit eingebüßt hat, verliert heute schneller seinen Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt, als dies noch vor 10 Jahren der Fall war.
Auch die heute vorherrschende Tendenz zur einseitigen Elitenförderung sollte daher noch einmal gewissenhaft durchdacht werden. Menschen benötigen öffentliche Förderung besonders in ihrem frühesten Alter: Die Breitenförderung unserer Jüngsten ist angesagt, die erforderlichen Argumente liefert die wissenschaftliche Forschung, vergleiche:
Welche Fähigkeiten sollten früh entwickelt werden?
Auch im Bereich der Arbeitsmarktpolitik greifen die überkommenen Strategien nicht mehr. Daher müssen bessere politische Strategien erarbeitet werden. Denn es gilt, die Struktur in Deutschland den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen. Hier ist Lobbyarbeit im Vorfeld der Gesetzgebung gefragt. Auch von Seiten der Suchtkrankenhilfe muss darauf hingearbeitet werden, Themen wie Alkoholsteuer, Regeln zum Verkauf und zum Ausschank von Alkohol, etc. stärker in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, letztlich damit über vernünftige Gesetze eine akzebtablere Struktur für die Suchtkrankenhilfe geschaffen wird. Zu bedenken ist dabei: Durch eine Zugangserschwerung zum Alkohol erhalten nicht nur schwerstkranke Alkoholiker mit abgebauten Fähigkeiten eine strukturell unterstützende Hilfe!
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, den Sinnverlust abgebauter Alkoholkosumenten in den Fokus der Aufmerksamkeit zu setzen. Wer sich selbst nicht mehr in ausreichender Weise als nützliches Mitglied der Gesellschaft erleben kann, wird auch durch den Verlust der sozialen Rolle, der übrigens auch über den Strang eines allgemeinen Sinnverlustes zum starken Abbau des Selbstwertgefühls führt, zusätzlich frustriert und deprimiert. Damit einher geht ein weiterer Verlust der Widerstandsfähigkeit und der Griff zur Flasche bietet dem Unfähigen die einfachste Lösung. An diesem Punkt eines individuellen Krankheitsverlaufes, rutscht eine soziale Arbeit, die den Aufbau von Sinnstrukturen anzielt in den Fokus besonderer Aufmerksamkeit.

Vernissage: Der bunte Vogel und das Monster
Die destabilisierenden Folgen der sozialen Deprivation sind nicht nur aus dem Bereich der Suchtarbeit bekannt, sondern auch aus den Bereichen der Obdachlosenhilfe, der Arbeit mit psychisch kranken Menschen und aus der Arbeit mit arbeitslosen Menschen bekannt. Oft kommen die verschiedensten Probleme zusammen und die Betroffenen haben multiple soziale Probleme.
Wir reden hier übrigens nicht von einigen wenigen Menschen, sondern von bemerkenswerten Anteilen unserer Bevölkerung!
Die Beschäftigung mit künstlerischen Projekten bietet gerade auch hinsichtlich der Sinnfindung - und dies nicht nur für den Trinker - viele Möglichkeiten, die zur psychischen Entlastung und sozialen Stabilisierung genutzt werden können. Wenn es gelingt, auch das soziale Umfeld (Familie, Angehörige und Freunde, etc.) in solche Projekte mit einzubinden, werden auch die Anforderungen der systemischen Sozialarbeit besser zur Geltung gebracht. Wichtig ist bei der systemischen Sozialarbeit, wie bei der Gemeinwesenarbeit, die Lebenswelt derer miteinzubeziehen, die es zu unterstützen gilt: Die Schwachen in unserer Gesellschaft.

Vernissage: Der Bunte Vogel und das Monster
Leider werden ressourcenorientierte Projekte jedoch nur selten mittels wissenschaftlich akzeptierter Forschungen evaluiert. Hier fließen Rinnsale, jedoch nicht die Hauptströme der Forschungsgelder. Dafür ist das ehrenamtliche Engagement und der persönliche Einsatz gerade in der ressourcenorientierten Arbeit oft besonders hoch. Vielleicht bedarf es in Zukunft neuer und besserer Kooperationen: Warum sollte eine innovative Gemeinwesenarbeit nicht wieder stärker mit der innovativen künstlerischen Szene kooperieren? Hier sind nicht nur Sozialarbeiter, sondern auch Musikpädagogen und Musiktherapeuten gefragt. Gesellschaftsveränderung durch innovative kreative Netzwerke?
Wenn öffentliche Gelder zukünftig besser eingesetzt werden sollen, müssen ressourcenorientiert Arbeitende ihr innovatives Veränderungspotential auch realisieren. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der Frage, wie öffentliche Gelder künftig effektiver und effizienter eingesetzt werden können.
Hier wird es in Zukunft darum gehen, Synergieeffekte zu erzielen. Welche Rollen werden dabei zukünftig von der ressourcenorientierten sozialen Arbeit und den künstlerisch pädagogisch-therapeutischen Disziplinen übernommen?

An Kathrin Schinski, der Projektleiterin von 'Der bunte Vogel und das Monster', einen besonderen Dank.

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